Heute habe ich den Thriller „Todeskind“ von Karen Rose zu Ende gelesen. Mit über 700 Seiten war ich mir sicher, dass ich eine Weile brauchen würde. Aber nach gut zwei Wochen habe ich es nun doch schon fertig. Es hat mich einfach mal wieder von der ersten Seite an gepackt. Und obwohl ich bestimmt zwei Jahre lang nichts mehr von Karen Rose gelesen habe, ist sie nach wie vor eine meiner Lieblingsautorinnen. Und das habe ich bei diesem Buch mal wieder bemerkt. In „Todeskind“ geht es unter anderem um einen kranken, alten Sack (anders kann man ihn leider wirklich nicht bezeichnen), der unschuldige junge Mädchen in seiner Hütte im Wald versteckt hält und grausame Dinge mit ihnen anstellt. Wilson Beckett ist sein Name und in meiner Fantasie hab ich ihn mir ziemlich ekelerregend vorgestellt: Ein alter Mann mit grauen Haaren, dreckigen Klamotten, lüsternem, irren Blick und total krank in der Birne. Manchmal wäre es besser man würde seine Fantasie ein wenig zügeln und könnte sich solche Bilder ersparen. Aber so macht das Lesen einfach viel mehr Spaß. Und ich hatte sowieso schon immer eine sehr lebhafte Fantasie.
Schon seit Tagen will ich endlich mal raus mit der Kamera und dieses wunderbare Frühlingserwachen fotografieren. Die weißblühenden Mandel- und Kirschbäumchen, satte grüne Wiesen mit leuchtend gelbem Löwenzahn (kurzer Exkurs ins Schwäbische: bei uns wird der Löwenzahn auch „Groddabluam“ oder „Bettsoicher“ genannt) dazu blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Doch bei den besten Fotografier-Bedingungen sitze ich leider meistens im Büro und wenn ich dann mal Zeit hätte ist das Wetter schon wieder ziemlich bescheiden. Auch heute Abend habe ich mir lange überlegt was ich tun soll. Und ganz ehrlich? Ich hatte auch irgendwie überhaupt keine Ahnung wo ich denn hin sollte zum Fotografieren. Die meisten schönen Bäume oder Landschaften stehen oft direkt an der Straße oder irgendwo in einem Wohngebiet. Beim einen kann man schlecht mal kurz mitten auf der Straße anhalten und die Kamera zücken und beim anderen möchte ich ehrlich gesagt nicht mit der Kamera durchs Wohngebiet ziehen, die könnten ja weiß Gott was denken…So bin ich einfach mal planlos ein Stück aus dem Ort gefahren, habe das Auto abgestellt und bin losgewandert. Der Himmel war inzwischen schon leicht bewölkt und die Sonne am Untergehen. Na super, beste Bedingungen also…Orientierungslos hielt ich gleich mal an der erstbesten Blumenwiese an, aus Angst, dass es vielleicht das einzige Blumenmotiv auf meinem Weg sein könnte. Irgendein Blumenbild musste ich unbedingt haben! Todesmutig begab ich mich also in die Wiese um die Blümchen auch schön in Nahaufnahme aufs Bild zu kriegen. Es roch zwar schon verdächtig nach Gülle, aber das kam nur von den ganzen umherfahrenden Bauern mit ihren Güllefässern. Meine Blumenwiese war noch schön trocken. Und sowieso: Wer sollte denn auch ne Blumenwiese düngen?
Ich spazierte also weiter und bog auf einen noch kleineren Feldweg ab. Ich konnte nicht sehen wo er hinführte, aber ich hoffte einfach mal, dass ich noch ein paar schöne Motive finden würde. Auch wenn weit und breit kein Mandel- oder Kirschbaum in Sicht war. Ist ja schließlich DAS Blogger-Motiv schlechthin. Brauch ich also auch. Aber ich kann euch schon mal verraten: Ich schwimm mal wieder gegen den Strom und poste keine Kirschblütenfotos. Weil ich erstens keine gefunden hab auf meinem Spaziergang und weil das ja zweitens schließlich jeder kann. Tja, aber wer kann schon sagen, dass er auf seinem Abendspaziergang einfach mal so nen coolen alten Traktorreifen als Fotomotiv oder eine nostalgische Milchkanne in einer Waldsenke findet? BÄM! Here I am!
Plötzlich war da nämlich dieses kleine Waldstück, das auch noch in einer Senke lag, und als ich um die Ecke bog entdeckte ich eine kleine Hütte und einen alten Bauwagen. Außerdem einen Schwenkgrill und eine Bierbank, auf der sogar noch die Ketchupflasche und das Grillgut von der letzten Orgie lagen. Irgendjemand musste hier also regelmäßig herkommen. Auf einmal schlug mein Herz schneller. Obwohl die Ruhe und die sanfte Sonne, die durch die Bäume schien, den Ort unglaublich schön erscheinen ließ, ging meine Fantasie mit mir durch.
Oh Gott, das ist Becketts Versteck, seine Hütte! Er beobachtet mich bestimmt schon und wartet nur darauf mich anzuspringen und mir eine Spritze mit Ketamin in den Hals zu jagen. Dann wird er mich in seine Hütte verfrachten und niemand weiß wo ich bin. Sie werden mich nie hier finden! Scheiße, ich muss hier weg!
Aber wisst ihr, was ich stattdessen gemacht habe? Ich bin immer weiter auf die Hütte und den Bauwagen zugelaufen. Es zog mich magisch an. Obwohl ich echt ein bisschen Angst hatte, musste ich diesen Ort einfach genauer erkunden. Und jetzt weiß ich auch, dass ich kein Stück besser bin als die Protagonisten in meinen Lieblingsthrillern. Jedes Mal wenn die so ne Dummheit begehen und das Ganze förmlich nach Gefahr schreit, frag ich mich immer, wieso die nicht gleich abhauen. Was ist denn da so schwer dran, wenn es doch offensichtlich ist? Aber jetzt kann ich diese Charaktere noch besser verstehen. Es ist einfach dieser Reiz des Verbotenen. Man hat etwas entdeckt und will wissen, was dahinter steckt.
Als ich dann plötzlich ein Rascheln und ein lautes Hecheln wahrnahm setzte mein Herz für einen Moment aus. Oh Gott, da ist jemand! Zum Glück war es nur ein kleiner Schoßhund, der auf mich zu gerannt kam und in meiner Panik dachte ich sogar bei diesem kleinen Kläffer, dass er mich nun anfallen und beißen würde. Aber er war ganz brav, sprang nur kurz an mir hoch, leckte meine Hand und flitzte wieder davon. Puh, nochmal Glück gehabt. Sicher würde gleich sein Herrchen auftauchen. Und ja, sein Herrchen tauchte kurz danach auch auf. Ein alter Mann mit grauen Haaren und dreckigen Klamotten. Scheiße. Das war Beckett! Er starrte mich an und verlangsamte seine Schritte. Ich überlegte mir schon ernsthaft wie ich am besten aus dieser Senke flüchten konnte. Doch dann ging er weiter und ich atmete erleichtert aus. Ok, noch zwei, drei Fotos schießen und dann aber nix wie weg hier! Natürlich war der Mann kein Wilson Beckett und kein Serienmörder (also hoff ich doch mal) sondern nur ein alter Landwirt in blauer Latzhose, aber es passte einfach so gut! Beim Rückweg begegnete ich den Beiden dann auch, das kleine Hündchen sprang wieder freudig auf mich zu und Beckett, ich meine, der alte Mann, fragte mich, was ich denn so fotografieren würde. Wir unterhielten uns kurz, ich wünschte den beiden noch viel Spaß bei ihrem Rundgang und ging dann ziemlich zügig Richtung Auto. Man, ich sag‘s euch, manchmal ist so ne blühende Fantasie echt nicht gut fürs Herz. Und aus einem langweiligen Blümchen-Fotografier-Spaziergang wird auf einmal das eigene Leben zum packenden Thriller.
Und so hab ich nun für euch leider keine typischen Frühlings-Blogger-Fotos, aber dafür eine spannende Geschichte und etwas andere Frühlingsfotos. Denn auch wenn ich nun keine blühenden Kirschbäumchen fotografiert habe, so spüre ich bei diesen Fotos trotzdem den Frühling. Ich denke daran, wie ich früher als Kind aus Löwenzahn Nudelsuppe gekocht habe. Die Stängel wurden feinsäuberlich in einzelne Streifen getrennt und ins Wasser geworfen, wo sie sich dann sofort gekringelt haben. Ich denke an das schmerzende Gefühl der Brennnesseln, durch die man als Kind so oft gelaufen oder einfach nur beim Toben reingefallen ist. Ich denke an viele schöne Stunden, die man beim Spielen im Wald verbracht hat, über Erdhügel gerutscht und danach in einem Bett voller Waldblumen gelandet ist. Und bei dem Bild mit dem alten Reifen auf der Weide muss ich sogar an das fiese Gefühl denken, wenn man mal kurz an den Elektrozaun gefasst hat, weil man doch unbedingt den Ball wieder zurückholen musste, der aus Versehen auf die Kuhweide geflogen war. Autsch, das ging immer einmal durch den ganzen Körper. Aber auch das hat als Kind dazu gehört. Und ja, diese Fotos erinnern mich daher viel mehr an Frühling als alle anderen Kirschblütenfotos. Auch wenn diese natürlich trotzdem schön anzusehen sind.
Habt ihr auch irgendwelche Kindheitserinnerungen an den Frühling? Etwas, das ihr heute noch damit verbindet? Oder hattet ihr auch schon mal so ein Thriller Déjà-vu?
Ich wünsch euch ein tolles Wochenende!